Nachruf: Wendelgard von Staden (1925-2026)

Seminarraum der Gedenkstätte
Wir trauern um Wendelgard von Staden. Die Zeitzeugin und Autorin, Diplomatin a.D. und Diplomatengattin, die Trägerin sowohl des Bundesverdienstkreuzes als auch der Bürgermedaille der Stadt Vaihingen/Enz ist am Donnerstag, den 21. Mai 2026 in ihrer Heimat auf dem Leinfelder Hof verstorben; einhundert Jahre nach ihrer Geburt „unweit einer langgestreckten Hügelkette inmitten von Obstgärten und Feldern“, wie es in ihrem Buch „Nacht über dem Tal“ heißt. Es machte sie etwa in der Mitte ihres langen Lebens diesseits und jenseits des Atlantiks fast schlagartig bekannt, indem es jene Eindrücke des Konzentrationslagers Vaihingen verarbeitete, die sie viel später mit einem „Eisberg, der nicht schmelzen wollte“, verglich.
Das schmale, aber ungemein wirkungsvolle Bändchen entstand Ende der 1970er Jahre in den USA, wo Berndt von Staden als deutscher Botschafter eingesetzt war, eigentlich für den privaten und familiären Kreis. Zur Veröffentlichung kam es, weil sich Marion Gräfin Dönhoff vehement dafür eingesetzt hatte; mit dem vom Verlag gewählten Titel war die Autorin nie so richtig einverstanden.
Rückblickend erscheint uns der Zeitpunkt dieser Publikation etwa in zeitlicher Nähe zur US-amerikanischen Serie „Holocaust“, die auch und gerade in Deutschland für Furore sorgen sollte, folgerichtig und stimmig – seinerzeit betrat Wendelgard von Staden ein noch wenig bestelltes Feld, als sie ihren fiktionalisierten Text aus Perspektive der Bystander (Raul Hilberg) im ländlichen Umfeld des deutschen Südwestens schrieb.
Begegnet ist sie ihrem schwierigen Thema eher zufällig und ungewollt. Die Herkunft Wendelgards von Neurath war zwar durchaus privilegiert, die adelige Familie hatte beachtlichen Grundbesitz (der vormalige Reichsaußenminister Konstantin von Neurath war der Onkel, zu dem aber kaum Kontakt bestand), das Mädchen durfte die Oberschule im etliche Kilometer entfernten Ludwigsburg besuchen und dann 1943 in Berlin das Abitur ablegen. Gleichzeitig war man aber auch recht bodenständig und ließ die Tochter eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren. In diesen Zusammenhang also fielen gleichzeitig ihre Tätigkeit auf dem heimatlichen Hofgut in Kleinglattbach und die Einrichtung eines Außenlagers des KZ Natzweiler auf einem Grundstück, das die SS der Familie zu diesem Zweck enteignet hatte.

Wendelgard von Staden konnte ihre Erlebnisse und Erfahrungen einbringen und überaus anschaulich schildern. Die Familie hatte zumindest in den ersten Monaten Zugang zum KZ-Gelände gehabt und ein Arbeitskommando war direkt beim Hofgut eingesetzt. „Was ich durch das kleine Wohnzimmerfenster sah, war ein Zug schwankender, dürrer Gestalten, kahlgeschoren und mit grünlichen Gesichtern.“ Besonders prägend muss das menschenfreundliche Vorbild der sozialdemokratisch orientierten Mutter Irmgard von Neurath gewesen sein, der das Buch gewidmet ist und die darin auch durch die drei an der Bürotür angebrachten Gedichte poetisch ausgezeichnet wird. Rückblickend zitierte sie einen der Häftlinge die Deutschen anklagend: „Ihr habt uns zu Tieren gemacht“.

Mutter und Tochter konnten zwar punktuell Leid lindern, die Katastrophe verhindern indes nicht: Zwischen August 1944 und der Befreiung im April 1945 litten im Glattbachtal mehrere Tausend unschuldige Menschen an den Nazi-Verbrechen, viele von ihnen kamen ums Leben. Noch im Buch selbst wurde abschließend ein Ausblick in die Zukunft geboten: Die Ich-Erzählerin sollte studieren, ein neues Leben beginnen. Dazu kam es. Wendelgard ging an die Universitäten Hohenheim und Tübingen, frühe Auslandsaufenthalte in Frankreich und den USA, wenig später der Eintritt in den diplomatischen Dienst der jungen Bundesrepublik folgen. In diesem Umfeld lernte sie den aus dem Baltikum stammenden Berndt von Staden kennen; um die Gründung einer Familie zu ermöglichen, verzichtete sie auf weitere Karriereschritte, die nach der Heirat ihr Mann dann schnell ging. Enge Kontakte zu Persönlichkeiten wie Brandt, Schmidt, Kissinger und Reagan prägten die späteren Washingtoner Jahre.
Nach Abschluss der aktiven Laufbahn kehrte man in die Heimat zurück (jetzt auf den Leinfelder Hof, der vormals der Familie Konstantins von Neurath gehört hatte), die Begebenheiten des KZ Vaihingen rückten sowohl räumlich als auch gedanklich wieder ganz nahe. Der in den 1980er Jahren allmählich entstehenden Initiative zur Erinnerung in Gestalt einer Gedenkstätte vor Ort war Wendelgard von Staden anfangs zwar eher skeptisch gegenübergestanden – bis es jedoch zur persönlichen Begegnung mit ehemaligen Häftlingen kam.
Unter ihnen war Peter Avram Zuckermann, der sich bei ihr persönlich für die Hilfe beim Überleben 1944/45 bedankt hatte. Seither war Wendelgard von Staden dem gegründeten Verein und seiner Gedenkstätte zunehmend freundschaftlich verbunden. Immer wieder kam es zu Gesprächen und Veranstaltungen in unterschiedlichsten Formaten. Bis zum Schluss, als sie bei einer Ausstellungseröffnung des Vereins in der Stadtkirche im März 2026 zugegen war; letzte Termine mussten leider abgesagt werden. Ihr Anliegen, aus der schrecklichen Geschichte unter anderem des KZ Vaihingen eine große und tätige Verantwortung für die Errungenschaften unseres rechtsstaatlichen, demokratischen Zusammenlebens abzuleiten, wird für uns nun zum Vermächtnis.

Nach ihrem Tod beginnt eine neue Ära. Ihr legendäres Buch wird erneut aufgelegt werden, einen weiteren Band mit Erinnerungen aus ihrem bewegten Leben konnte sie noch fertigstellen. Wir werden Wendelgard von Staden, die äußerlich zierliche, aber äußerst energische Frau, als ein großes Vorbild ehrenvoll im Gedächtnis bewahren.
Nachruf verfasst von: Uwe Jansen – Vorstandsmitglied der KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz e.V.